Red Bull Radio’s Vivian Host über Peak Time und ihren Berlin Soundtrack

Ab sofort ist ein neuer Musikdienst auf Sonos verfügbar: Red Bull Radio. Zur Feier dieses Neuzugangs und der Rückkehr der Red Bull Music Academy an ihren Ursprungsort Berlin, präsentierte Red Bull Radio vor kurzem gemeinsam mit Sonos ein dreitägiges Radio Pop-up mit hochkarätigen Gästen im Sonos Store Berlin. Wir hatten die Gelegenheit, mit Moderatorin, DJ und Musikveteran Vivian Host aus New York über die Highlights ihrer Gespräche mit den Künstlern, über ihre tägliche Show und ihre musikalischen Vorlieben zu sprechen.

Vivian Host ist die Stimme hinter Peak Time. Die zweistündige Show wird fünf Tage die Woche live aus ihrem Studio in Manhattan gesendet und bietet eine Mischung aus Musiknews, Neuerscheinungen, ausführlichen Künstlerinterviews, kulturellen Kommentaren und einer Auswahl von Tracks, welche die Geschichten aus der Mainstream- und Underground-Kultur gleichermaßen untermauern und kontextualisieren. Neben einer Reihe hochkarätiger elektronischer Musikproduzenten zählte Vivian Größen wie Charlotte Gainsbourg, Jean-Michel Jarre, Erykah Badu und Filmlegende Werner Herzog zu ihren Gästen.

Vor kurzem hat Sonos Peak Time für ein dreitägiges Radio-Pop-up von New York nach Berlin gebracht – mit dabei einige der besten Programme auf Red Bull Radio. Live aus dem Sonos Store wurden insgesamt neun Shows übertragen, darunter auch Sets mit Matias Aguayo und mobilegirl und Red Bull Radios neues Format Deck 10 rund um deutschsprachige HipHop-Kultur. Peak Timelud Berliner Künstler ein, die Musikgeschichte der letzten 20 Jahre zu rekapitulieren. Vivian diskutierte mit Alec Empire von Atari Teenage Riot über Protestsongs und Widerstand durch Musik. Das britische Bass-Mastermind The Bug und Dancehall MC Miss Red sprachen über Originalität und darüber, wie man sich und seine Musik ständig neu erfindet. Und im Gespräch mit Comiczeichner Reinhard Kleist ging es um Essenz der Songs von Nick Cave zu seiner Zeit in Berlin.

Als erfahrene Musikjournalistin und Redakteurin war Vivian als Redakteurin für diverse Musikmagazine tätig und ist als Produzentin, DJ (unter dem Namen Star Eyes) und Labelbetreiberin (Chaos Clan) ein aktiver Bestandteil der New Yorker Musikszene. Aufgewachsen in L.A. und als Teenager auf Warehouse-Parties zuhause hat die selbsternannte „Brooklyn queen of heavy bass“ genauso viele spannende Geschichten parat wie ihre Interviewpartner selbst. Wir hatten die Gelegenheit, mit ihr über die Shows in Berlin und Radiojournalismus im Allgemeinen zu sprechen, und mehr über ihre musikalischen Beziehung zu Berlin sowie und die Rolle von Musik zuhause zu erfahren.

Gibt es Geschichten, Gedanken und Tracks, die dir aus drei Tagen Peak Time im Sonos Store hängen geblieben sind?

Meine Gäste während dieser drei Tage – und das gilt vermutlich für Berliner Künstler im Allgemeinen – waren so furchtlos in der Art und Weise, wie sie sich ausdrücken, und so offen in Bezug auf ihre Überzeugung und die Bedeutung ihrer Arbeit. Es war sehr inspirierend zu sehen, wie diese Ideen auf so viele verschiedene Arten und in verschiedene Musikstile übersetzt wurden, von Alec Empires tumultartigem Breakcore über The Bug’s Anti-Establishment Acid Ragga bis hin zu den „Queer Sonics“ von Planningtorock. Besonders spannend war das Gespräch mit Thomas Fehlmann, einem Pionier der elektronischen Musik, über die Szene Mitte bis Ende der 80er Jahre, und seine Musik für das legendäre Kunstdisko Projekt zur Sommerolympiade in Seoul 1988 an der Seite von u.a. Westbam und Moritz von Oswald.

The Bug, der bekannte Produzent aus UK sprach darüber, wie gute Musik Feuer in sich trägt, weil sie in einem politischen Kontext entstanden und davon motiviert ist. Seiner Ansicht nach entspricht heutige Musik im Mainstream einem Meer der Mittelmäßigkeit. Wie siehst du neue Musik im digitalen Zeitalter?  

Ich finde es großartig, dass man heute nicht mehr auf ein Label angewiesen ist, um seine Musik zu veröffentlichen, oder auch auf einen bestimmten Journalisten, der dann darüber schreibt. Einige der besten Tracks, die ich je gehört habe, waren auf YouTube, Soundcloud oder Bandcamp. Es gibt mir immer ein Gefühl dafür, was überall anders auf der Welt passiert. Weil es so einfach geworden ist, Musik zu veröffentlichen und dadurch Aufmerksamkeit zu erlangen, denke ich allerdings, dass sich Musiker häufig nicht genug hinterfragen, und dass sich Künstler – vor allem jüngere und aufstrebende Musiker – oft mehr mit Selbstvermarktung und Social Media beschäftigen als mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer Kunst. In politischer Hinsicht sehe ich eine Menge Künstler, die im Moment mehr politisch aufgeladene Musik machen. Kurz gesagt: Musik im digitalen Zeitalter birgt großes Potenzial, aber auch Herausforderungen.

 

Hast du einen bestimmten Künstler oder eine bestimmte Episode in Berlins Musikgeschichte, die dich inspiriert?

So einige! Mich inspiriert der Techno direkt nach dem Mauerfall. Die frühen Tresor Platten und auch die frühen Releases von Mayday-König Westbam wie „The Mayday Anthem“ (1992) und „And Party“ (1989)… vermutlich alles, das in den ersten Jahren der Love Parade gespielt worden wäre. Mich interessiert auch die Neue Deutsche Welle Szene der frühen 80er Jahre und Punk und Proto-Elektronik-Bands wie DAF, Einstürzende Neubauten und X-Mal Deutschland – und die vielen großartigen Haarschnitte.

 

Gibt es einen spezifischen Berlin Track, den du persönlich mit der Stadt verbindest oder einen Moment, den du hier verbracht hast?

Ellen Alliens „Alles Sehen“ von 2003. Der Sound ihres Albums Berlinette erinnert mich immer daran, nach einer langen Nacht im Morgengrauen mit der U-Bahn durch die Stadt zu fahren; Außerdem verkörpert der Track auch irgendwie den skurrilen, sehr persönlichen Sound der elektronischen Musik, die ich mit Berlin um die frühen ’00er Jahre verbinde.

Drop the Limes „Coal Oven Fevers“ (auf Tigerbeat6) erinnert mich an meinen Winter in Berlin 2005. Luca von Drop the Lime war nach Berlin gezogen und lebte in dieser alten Wohnung in Mitte mit einem Kohleofen und einem total seltsamen Badezimmer. Ich hab für eine Woche auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen und wir gingen ständig auf Squat-Parties, in Pop-Up-Bars, zu kitschigen alten Plätzen und Industrie-Punk-Spots. Ich erinnere mich ziemlich genau an den Hackeschen Markt und wie anders es dort damals war. Alles war irgendwie „rough“ und aufregend und wild und das hat mich sehr geprägt. Der Song handelt von einem Berliner Winter und all den dunklen Katertagen und dem Kampf, ein Künstler zu sein, und ich denke, es ist immer noch ziemlich relevant. Luca, der jetzt Musik als Curses macht, lebt übrigens wieder in Berlin.

 

Peak Time läuft fünf Tage die Woche und die Gespräche mit Künstlern aus ganz verschiedenen Genres bleiben dabei nie nur an der Oberfläche. Wie bereitest du dich auf die Shows vor? 

Ich suche jeden Morgen (und eigentlich den ganzen Tag) nach neuer Musik und Branchennews und versuche, das Interessanteste, Relevanteste und Coolste davon herauszufiltern. Ich recherchiere auch viel für die Künstlerinterviews und versuche, den Leuten Fragen zu stellen, die ihnen vorher vielleicht noch nicht gestellt wurden. Es ist wie jeden Tag für eine Prüfung zu lernen, aber es zahlt sich aus. Ansonsten versuche ich nur, verschiedene Wege zu finden, um über Musik und Kultur zu berichten und interessante Gäste zu haben. Die Show ist eine tägliche Zusammenfassung dessen, was in der Musik neu ist, aber wir gehen auch ausführlich auf Themen ein. Für mich bietet sie genau das, was ich von einer täglichen Show erwarte und was alle anderen Sender, die ich höre, nicht bieten. Aber ich könnte nichts davon ohne meine großartige Produzentin Sara Casella machen, die alle meine Gäste bucht und die Show am Laufen hält.

Über Peak Time lässt sich immer neue Musik entdecken. Wie kuratierst du die Song- Auswahl für deine Shows?

Ich schaue alle Neuerscheinungen durch, höre mir Promos an und folge meinem Instinkt basierend auf dem, was ich auf Twitter, Instagram und YouTube finde. In der Show möchte ich einfach nur über das sprechen, was neu und interessant ist und worüber die Leute reden (normalerweise vermeide ich reinen Pop, weil das ja eh schon jeder kennt). Und ich will dafür sorgen, dass auch immer ein paar neue, noch ungeschliffene Rohdiamanten aus der ganzen Welt darunter sind. Das wichtigste dabei ist, Verbindungen zwischen Tracks zu schaffen und den Dingen einen Kontext zu geben. Mit vielen Künstlern und Journalisten im Studio erfährt man meistens, welche Musik gerade in der Mache ist. Und – Club-DJ zu sein und auszugehen hilft natürlich auch, neue Dinge zu finden.

 

Was macht dich an der Show am meisten Spaß? Gibt es ein Highlight aus den letzten 1,5 Jahren der Show, das du mit uns teilen kannst?

Ich liebe es, jede Woche so viele neue Dinge zu lernen. Musik ist ein großartiger Katalysator, um über Kultur, Politik, Geschichte, persönliche Geschichten usw. zu sprechen. Es war auch etwas ganz Besonderes, die Show live von überall auf der Welt zu übertragen – zum Beispiel eine Baile-Funk-Show in Sâo Paulo oder die Show live in Atlanta von den Mean Streets Studios zu machen, während Lil Uzi Vert sein Album im nächsten Raum fertigstellte. Was die Interviews angeht, war es ein absolutes Highlight, mit Werner Herzog und Jean-Michel Jarre zu sprechen. Oneothrix Point Never und Rico Nasty waren ganz besonders und Zavtoven, einen der größten Hip-Hop Produzenten, zu interviewen, während er an einem Flügel gegenüber von mir saß und mir Songs vorspielt, werde ich nie vergessen.

 

Kannst du neben Peak Time weitere Shows auf Red Bull Radio empfehlen?

Ich bin großer Fan der Federation Sound Show von Max Glazer, das ist einfach die beste Anlaufstelle, um neue Reggae/Dancehall Cuts zu entdecken. Er ist mittlerweile ein richtiger New-York-König, ein großartiger DJ, Radio Host und Party Promoter, und er hat immer die wildesten Gäste in seinen Shows wie Spice, Mr. Vegas, Chronixx und sogar Wyclef Jean und Sting! Wer sich für NYC Hip-Hop, Soul und Funk interessiert, der sollte in Chairman Mao’s Sendung Across 135th Street reinhören. Unsere aktuelle Alumni Mix-Serie, bitet u.a. Sets von Nina Kraviz, Black Coffee, Toxe, Marie Davidson, Mumdance oder Sinjin Hawke – allesamt Absolventen der Red Bull Music Academy der letzten 20 Jahre.

Du hattest erwähnt, dass du in Warehouse Parties aufgewachsen bist und dass dich als Teenager Raves fasziniert haben. Gibt es einen bestimmten Künstler oder einen Track, der dafür ausschlaggebend war?

Es gab eine Musikvideo-Show, die ich nach der Schule immer wegen ihrer New Wave und Industrial Videos geschaut habe; Ich glaube, das war meine erste bewusste Musikerfahrung. Videos wie Radioactive Goldfish „LSD is the Bomb,“ Messiah „Temple of Dreams“ und The Prodigy „Out of Space.“ Aber es war vor allem The Prodigy, die mich geprägt haben. Ich habe die Band 1993 im Hollywood Palladium zum ersten Mal gesehen, hat das mein Leben verändert.

 

Welche Poster hattest du als Teenager an der Wand und welche Musik hast du gehört?

Ich hatte Depeche Mode und The Cure Poster an meiner Wand, aus der irgendwann eine Rave-Flyer-Wand wurde. Ich hab jede Menge Elektro gehört, Shoegaze, 80er Jahre Punk, Indie und jede Menge Rap (was in L.A. überall lief). Mit 15 oder 16 Jahren waren meine Lieblingsbands Sonic Youth, Fugazi, The Prodigy, Depeche Mode, Dead Kennedys, Moby und Meat Beat Manifesto, aber auch einige lokalen Punk Bands und DJs wie R.A.W. und Trance & Fester.

 

Was hörst du wenn du Zuhause bist und mal nicht als Radio Host oder DJ mit Musik zu tun hast?

Einer meiner großen Favoriten ist immer noch Huerco S. For Those Of You Who Have Never (and Also Those Who Have) und Visible Cloaks, Aisha Devi und, wenn mir nach ein wenig Nostalgie und Drama ist, dann vielleicht The Soft Moon oder Tamaryn. Apropos Berlin, ich bin in letzter Zeit tatsächlich zum Dub Techno zurückgekehrt und höre mir einige der alten Chain Reaction Veröffentlichungen und Rhythm & Sound an.

Peak Time läuft montags bis freitags von 18 bis 20 Uhr auf Red Bull Radio, bald einer von über 80 integrierten Musikservices auf Sonos.  

Um über die Sonos App auf Red Bull Radio zugreifen zu können fügt man den Dienst einfach innerhalb der App als Streamingservice hinzu. Sämtliche Red Bukl Radio Kanäle werden damit direkt verfügbar.

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