Für Sebastian Bagge und Julio Rölle, besser bekannt als das Berliner Kunstduo 44flavours, beginnt und endet Kreativität mit Spaß.

Vielseitig, eigenwillig, chaotisch – und doch gekonnt komponiert und verspielt. Diese Worte werden eher von Musikkritikern für Album-Rezensionen verwendet. Sie passen aber genauso gut zum Werk von 44flavours, dem Berliner Kunstduo/Mixed-Media-Kollektiv Sebastian Bagge und Julio Rölle.

Seit dem Zusammenschluss im Jahr 2003 haben sich die beiden Freunde einen internationalen Ruf aufgebaut für ihren kreativen Umgang mit Farbe, recycelten Materialien und abstrakten Motiven bei Projekten, die auf ihren jeweiligen Hintergrund in Grafikdesign und Graffiti verweisen. Die Zusammenarbeit geht von Broschüren und Illustrationen bis hin zu Wandmalereien und experimentellen Installationen.

Wir hatten das Glück, sie zwischen all ihren Reisen durch die ganze Welt für die Gestaltung einer der Listening Rooms im neuen Sonos Store in Berlin-Mitte gewinnen zu können. Mit der für sie typischen Energie haben sie ein Konzept entwickelt, das mit lebendigen Farben und geometrischen Formen den kompakten Raum in so etwas wie ein Zuhause verwandelte.

Während der Store seinen letzten Schliff bekam, luden uns Bagge und Rölle freundlicherweise in ihr Atelier ein, das sich ebenfalls in Mitte befindet. Wir setzten uns mitten zwischen ihre schrägen Objekte, um über den kreativen Prozess zu sprechen und darüber, wo sie Inspiration finden.

Erzählt uns ein bisschen über dieses Studio. Wie habt ihr es gefunden?
Unser Studio hat eine entspannte Atmosphäre, und wir haben genug Platz, um an all unseren Projekten zu arbeiten. Wenn wir nicht so viel zu tun haben, hängen wir hier ab, hören Musik und plaudern über neue Projekte. Manchmal laden wir Freunde ein. Uns besuchen auch viele Studenten hier im Studio. Kunden und Kunstsammler kommen auch gerne vorbei, um über unsere Arbeit zu sprechen. Dieser Austausch mit anderen ist uns extrem wichtig.

Wir sind vor etwa zwei Jahren hierher gezogen. Vorher hatten wir fast ein Jahrzehnt in einem Raum in Kreuzberg direkt am Moritzplatz verbracht. Die Eigentümer wollten unsere Miete verdreifachen – ohne was zu renovieren. Also dachten wir, dass es an der Zeit wäre weiterzuziehen. Wir hatten das Glück, diesen Raum hier zu einem vernünftigen Preis zu finden. Jetzt teilen wir ihn mit ein paar guten, talentierten Freunden. Das Studio ist wie unser erweitertes Wohnzimmer. Hier verbringen wir die meiste Zeit, wenn wir nicht gerade auf Reisen sind und Projekte im Ausland machen.

Wir haben noch ein anderes Atelier – im Prinzip ein großer, leerer Raum – es heißt Raum Vollreinigung. Da arbeiten wir an großen Gemälden und Skulpturen und organisieren monatliche Ausstellungen. Wir teilen das mit Clemens Behr und Julius Dörner. Wir haben Glück, diese Orte zu haben, um all unsere verrückten Ideen entwickeln zu können.

Habt ihr manchmal des Gefühl, dass ihr das Studio verlassen müsst, um euch inspirieren zu lassen?
Wir lieben unsere Mittagspausen. Wir brauchen diese Zeit am Tag, um über die Dinge zu reden. Zu 90 Prozent gehen wir in der Mittagspause mit unseren Studiopartnern essen, oder mit Freunden oder Kollegen. Wir reisen auch viel wegen unserer Ausstellungen. Wir lieben es, neue Orte zu entdecken. Es fühlt sich so an, als hätten wir überall Freunde.

Wie beeinflusst eure Umgebung eure Arbeitsweise?
Es ist toll, von allen möglichen Relikten umgeben zu sein – Dinge, die wir gefunden haben. Geschenke, Kunstwerke, Bücher, Pflanzen. Und alle Arten von seltsamen, wahllosen Objekten. Das alles ist ein Teil von uns, und in gewisser Weise macht es uns und unsere Arbeit komplett. Wir brauchen kein Tabula rasa, um neue Ideen zu entwickeln, weil alles, was wir kreieren, irgendwie miteinander verbunden ist. Unsere Arbeit setzt immer entweder etwas fort oder basiert auf etwas, das wir früher gemacht haben. Und dieses Gesamtwerk entwickelt sich ständig weiter.

Was hat euch an diesen Objekten fasziniert?
Uns gefallen schöne, seltsame und eigenartige Objekte. Wir mögen Volkskunst und die Kunst unserer Freunde und Kollegen. Wir lieben Bücher und handgemachte Magazine. Und wir lieben Dinge, die eine Geschichte erzählen: Eine Postkarte, die ein Freund geschickt hat oder ein Buch von einem Künstler, Designer oder Architekten, den wir kennen. Manchmal kaufen wir Bücher oder bekommen Ausschnitte, wo es um uns geht.

Wir mögen alte, abgelegte Dinge, die uns zu unseren Skulpturen inspirieren. Manchmal ist eine Sache nur in Bezug auf etwas anderes interessant. Deshalb lieben wir Collagen. Unser Studio ist ein ständig wachsendes Moodboard mit realen Gegenständen. Aber in dem ganzen Chaos steckt auch ein System. Das muss so sein, weil wir mit allen möglichen Werkzeugen und Materialien arbeiten, und wir müssen die Sachen finden, wenn wir sie brauchen.

Welche Rolle spielt Musik bei eurem kreativen Prozess?
Musik spielt definitiv eine große Rolle für unsere Inspiration. Viele unserer Freunde sind Musiker, und über die Jahre haben wir schon eine Menge LP-Cover gestalten dürfen. Wir lieben es, neue Musik zu entdecken und mit anderen zu teilen. Deshalb haben wir auch ein fortlaufendes Projekt mit unserem Kumpel Lukasz Polowczyk von initialsLP. Wir laden verschiedene Musiker ein, Mixtapes zu machen. Und dann gestalten wir die Cover dafür und veröffentlichen sie auf Mixcloud.

Welche Musik findet ihr gut? Gibt es irgendwelche Lieblingsalben oder neuen Künstler, die ihr in letzter Zeit gehört habt?
Es hängt wirklich davon ab, wie wir uns fühlen, welche Art von Stimmung wir im Moment brauchen, und ob wir am Computer oder mit den Händen arbeiten. Vor kurzem haben wir das Cover für die digitale Veröffentlichung eines Projekts unseres Freundes Simon Houghton (alias Sneaky), genannt Wooden Leg, entworfen. Es ist experimentelle, improvisierte Instrumental-Musik, die direkt auf 8-Spur-Analogband aufgenommen wurde. Sneaky hatte auch gerade ein weiteres Album veröffentlicht, das Lost and Found heißt. Wir können beides sehr empfehlen.

Stehen irgendwelche Projekte an, auf die ihr euch besonders freut?
Ja! Wir bereiten eine Installation für einen neuen Co-working Space in Kreuzberg vor.

Es handelt sich um eine Holzmontage in verschiedenen Formen, die an der Wand der Eingangshalle des Gebäudes angebracht wird.

Ein weiteres spannendes Projekt ist eine architektonische/künstlerische Intervention. Im Grunde genommen wurden wir gebeten, eine Idee für ein Haus zu entwickeln, die die Stimmen seiner Bewohner mitberücksichtigt. Wir hatten mehrere Ideen und sind uns noch nicht sicher, welche realisiert werden soll.

Und natürlich organisieren wir die nächste monatliche Ausstellung im Raum Vollreinigung, die die erste Einzelausstellung unserer Freundin Lenia Hauser sein wird. Wir werden auch nach Salzburg gehen, um dort an der Universität zu unterrichten. Das machen wir jedes Jahr. Und dann haben wir noch einen Workshop an der Universität in Kiel. Mitte Juni werden wir in München sein, um gemeinsam mit Schauburg ein Bühnenbild zu bauen. Danach arbeiten wir an einer Installation für das Watt En Schlick Fest. Es hört nie wirklich auf!

Folge 44flavours auf Instagram, um mehr zu diesen Projekten zu sehen.

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